Jakob Muth
1927 - 1993

Jakob Muth wurde am 30. Juni 1927 im Gimbsheim/Rheinhessen geboren. Er besuchte die Volksschule in Gimbsheim, ab 1938 die Internatsschule "Adolf Hitler" in Sonthofen/Allgäu. Mit 17 rückte Jakob Muth ein. Das war 1943. 1944 geriet er in Gefangenschaft.

1945 begann Jakob Muth als Maurerlehrling mit einem Umschulungsvertrag für 18 Monate. Er war Gelegenheitsarbeiter und half beim Wiederaufbau von Mainz. 1947 besuchte er die Internatsschule in Alzey, 1948 machte er Abitur. Danach kam die Ausbildung zum Volksschullehrer in Bad Neuenahr und Worms. Seine spätere Frau studierte in Worms. 1950 legte Jakob Muth seine erste Prüfung für das Lehramt an Volksschulen in Mainz ab. Bis 1958 dann Studium an der Universität Mainz.

1960 wurde Jakob Muth an der Hochschule Kettwig/Duisburg Professor. Ab 1970 lehrte er als Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Er war von 1970-1975 Mitglied des Deutschen Bildungsrates. Sein Ziel war die Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher. Jakob Muth wurde im Juni 1992 pensioniert. Er starb am 26.4.1993.

Mit drei Dingen hat sich Jakob Muth in besonderer Weise befasst:

der "Rückführung der behinderten Kinder und Jugendlichen in das allgemeine Schulwesen", der "Akzentuierung der historischen Dimension der Schultheorie für die Schule der Gegenwart" sowie der Wiedergewinnung "eines Verstänisses von Didaktik als Pädagogik" in Fortschreibung einer "Pädagogik der Entsprechung" seines akademischen Lehrers Theodor Ballauff (In: Deutsche Pädagogen der Gegenwart, hrsg. v. Rainer Winkel. Düsseldorf 1984, 228).

Sein Schriftenverzeichnis hierzu umfaßt nahezu 400 Titel. Zudem war er Autor von Schulbüchern zum Lesen und zum Sachunterricht in der Grundschule sowie Mitarbeiter an Publikationen verschiedener Gremien und Institutionen.
Als vormals gelernter Maurer beteiligte er sich auch an der Diskussion um die Wirtschafts- und Arbeitslehre mit eigenen Beiträgen.
Von 1963 - 1990 war er gemeinsam mit Werner Loch Herausgeber der Schriftenreihe "neue pädagogische Bemühungen", die es in diesem Zeitraum auf 100 Bände brachte.

Sein literarisches Werk zur "Praktischen Pädagogik" in einer "Schule als Leben" - wie es in der Anthologie aus Anlass seiner Emeritierung von seinen Schülern formuliert und mit gleichem Titel als Band 5 der "Grundlage der Schulpädagogik" von Ernst Mayer und Reiner Winkel 1992 herausgegeben worden ist - befast sich konsepqent - wie in der "Pädagogik der Entsprechung" von Ballauff philosophisch-systematisch begründet - mit den Maßgaben und nicht Maßnahmen für die Erziehung und Bildung in der Schule, d.h. mit dem Maß überhaupt und hier insbesondere dem rechtem Maß. Seine Vorstellungen hierzu lassen sich mit folgenden Leitbegriffen kennzeichen: Takt, Mitmenschlichkeit, Glaubwürdigkeit, Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit. Sie bilden gleichsam die Bestimungsmerkmale seiner "Praktischen Pädagogik" als Schulpädagogik.


Hierüber hat er nicht nur als Hochschullehrer nachgedacht und Bedachtes sowie Bedenkenswertes niedergschrieben, sondern diese Maßgaben hat er auch im Sinne von Schlüsselqualifikationen in verschiedenen Kontexten seiner Tätigkeiten gelebt.
In der Verleihungsurkunde des Comenius-Preises heißt es im Sinne einer Feststellung: "Herr Professor Muth hat in Wort, Schrift und Tat über Jahrzehnte hinweg Schulen, Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern nachhaltig unterstützt, damit behinderte Kinder in das allgemeine Schulwesen integriert werden können. Darüber hinaus war er in diesem Sinne Wissenschaftlich, bildungspolitisch und publizistisch mit einem beispeilhaften Engagement tätig" (In: Pädagogisches Forum 1/1993, 3).

Wer diesen Pädagogen persönlich kannte, wird seine ruhige, behutsame, abwägende, ausgleichende, überzeugende, gar väterliche Güte ausstrahlende Art, selbst wenn er stritt und Srittiges vortrug, nicht vergessen. Entschieden verneinte er bis zuletzt die Wirkungsmöglichkeiten intentionaler Erziehung. Sein Maß in der Erziehung sah er vielmehr in der "Freigabe und Berufung des Schülers zur Erfüllung sachlicher und mitmenschlicher Aufgaben in der Welt", nicht im Beibringen von: was wie wozu in der Schule gelernt bzw. vom Schüler angeeignet werden soll ( In: Schule als Leben. Baltmannsweiler 1992, 256 ff).

Ein solches Verständnis von Lehren und Lernen erfüllte für ihn den Tatbestand der "Nötigung", der "Manipulation", der "Hörigkeit" von Kindern als Objekten in einem "possessiven Verhältnis" zum Lehrenden (a.a.O, S. 254 f).


Kinder einem Sachverhalt nahezubringen, eine Beziehung hierzu zu ermöglichen - nicht um darüber verfügen zu können, sondern um die Sache selbst im Bewußtsein des Lernenden sich bilden zu lassen - hierin sah er die didaktische Aufgabe des Lehrers.
"Lehren und Lernen" bleiben in diesem Verständnis unverfügbar, prinzipiell nicht plan- und letztlich nicht machbar - das ist eine Botschaft, die an eine Wurzel des Selbstverständnisses vieler Lehrer reicht. Und dennoch wurde Jakob Muth über Jahrzehnte nicht müde, sie zu vertreten und zu leben. Insofern ist und bleibt sein Name Programm: Mut machen, andere bestärken zu einer Schule des Lebens, in der eigenverantwortlich und selbstgesteuert nach den Maßgaben des Taktes und der Mitmenschlichkeit glaubwürdig und ernsthaft aus dem Verhältnis des Sich-Bescheidens gegenüber Personen und Sachen gehandelt werden darf und kann.

Auszug aus einem Text von Dieter Lambrich, SIL Speyer